Polen, so nah und doch so fremd. Zwischen Polen und Deutschland, manchmal auch in der DDR.

Ein polnischer Bischoff kommt selten allein – Polen und die Kirche bis 1918

Nach einer langen Pause - ich habe leider nicht genug Zeit zum regelmäßigen bloggen - gibt es wieder neue Folgen. Das Thema ist der schwierige Verhältnis zwischen Polen und der katholischen Kirche.

Wie es schon im einem der letzten Beiträge erläutert wurde, sind die angeblich erzkatholischen Polen in der Masse keine richtigen Gläubigen, selbst wenn sie zur Messe gehen. Jetzt beschäftige ich mich genauer mit den Leuten, die die Messe halten.

Die polnische katholische Kirche unterscheidet sich erheblich von der deutschen. Die Unterschiede sind besonders deutlich ganz unten, in den Pfarreien zu sehen, das ist aber ein anderer Mikado-Stab. Selbst den heutigen Stab trenne ich in mehrere Teile - der Text wurde immer länger und sprengte langsam, aber deutlich die sinnvollen Rahmen für ein Beitrag. Heute werde ich über der Kirche in Polen bis 1918 schreiben, der nächste Beitrag wird über der Zeit zwischen den Weltkriegen handeln, zum Schluss die restliche Geschichte der katholischen Kirche in Polen. Und dann noch ein, über der heutigen Lage. Also zurück zu katholischer Kirche.

Die Geschichte der Kirche in Polen war eine ganz andere als in Deutschland. Die deutsche katholische Kirche hat seinen besten Tage schon längst hinter sich. Vor mehr als 200 Jahren herrschte sie aber über einen bedeutenden Anteil der Fläche der deutschen Länder. Die Fürstbischöfe vereinten die geistliche Macht mit der säkularen, die Kirche war steinreich. In Polen war alles etwas anders. Es gab nur einen, ganz kleinen kirchlichen Herzogtum (Siewierz), in polnischer Sprache entstand sogar kein Wort für einen Bischof, der gleichzeitig ein Fürst ist.

Es bedeutet aber nicht, dass die polnische katholische Kirche keinen Einfluss auf die Politik hatte. Schon der erste polnische Fürst, der Mieszko der Erste, Gründer des polnischen Staates, nahm wahrscheinlich aus politisch-strategischen Gründen das christliche Glauben an (966) und gab auf diese Weise der Kirche Einfluss auf sein Gebiet.  Doch dieser Einfluss war nicht so direkt, wie in Deutschland - die zu direkten Einwirkungen wurden schnell eingedämmt. Einer der frühen polnischen Könige (Boleslaw II der Kühne) wollte im Jahre 1079 keine starke kirchliche Einmischung zulassen. Nach wenigen und etwas unsicheren Überlieferungen hatte der König einen Streit mit dem Bischof Stanislaus von Krakau. Der Streit eskalierte, als Folge exkommunizierte der Bischof den König. Daraufhin verurteilte der König den Bischof zur Tode. Weil aber keiner der königlichen Ritter den Urteil vollstrecken wollte, sollte der König selbst den Bischof in seiner Kirche, beim Altar, während einer Messe, eigenhändig erschlagen.

Ermordung von Stanislaus von Krakau, Bild von Jan Matejko

Ermordung von Stanislaus von Krakau, Bild von Jan Matejko

Der Kirche sich nicht einmischen lassen war vielleicht auf längere Sicht eine gute Idee, kurzfristig hatte sie aber für den König fatale Folgen. Ein Aufstand gegen ihm brach aus, er musste fliehen und kam nie wieder nach Polen zurück. Laut Sage starb er als stummer Büßer im Kloster Ossiach in Kärnten. Der Bischof Stanislaus wurde 1253 als Märtyrer heiliggesprochen. Vielleicht war es diese Geschichte, die die Verhältnisse zwischen Staat und Kirche in Polen nachträglich beeinflusste. Bei der Kirche sitzen diese Ereignisse bis heute - 1963 erklärte der Papst Johannes der XXIII den Hl. Stanislaus zum Schutzpatron Polens, 1979 erhob der Johannes Paul der II. seinen Gedenktag zu einem gebotenen Feiertag. Die Intention ein Zeichen gegen die kommunistische Regierung zu setzen, ist hier deutlich sichtbar.

Aber nicht zu schnell, zurück zur Geschichte.

Der nächste große Problem Polens mit der Kirche war selbst verschuldet. Als Polen Anfang des XIII. Jahrhundert zersplittert war, hatte ein der Herzöge (Konrad I. von Masovien) ein Problem mit seinen prußischen, heidnischen Nachbarn. Weil er damit nicht selbst fertig werden konnte, beauftragte er ein externes Unternehmen. Dieses Unternehmen gehörte indirekt dem Vatikan-Konzern, die Leitung und die meisten Mitarbeitern dieser Firma waren Deutsche. Der Name der Firma war Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem, wie man sieht ein überregionales Großunternehmen. In der Satzung der Firma stand Gesundheitswesen als Branche, in der Wirklichkeit war es eher ein Sicherheitsunternehmen, etwa wie Blackwater/Academi heute.

Die Firma Deutschorden bekam also 1226 den Auftrag, sich um Ordnung auf den prußischen Gebieten zu kümmern,  und bei dieser Gelegenheit Demokratie Christentum auf diese Gebiete zu exportieren. Das Unternehmen hatte zwar schon in seinem Portfolio einen ernsten Streit mit dem Auftraggeber, Herzog Konrad ignorierte es aber und hoffte auf ein besseres Verhältnis. Anfangs ging's ganz gut, aber später machte sich der Auftragnehmer doch wieder viel zu selbständig und griff sogar ab und zu den Auftraggeber an. Als der Herzog den Vertrag kündigen wollte, schaltete die Firma die Konzernzentrale ein. Der Papst erweiterte sogar einseitig den Vertrag (anhand, wie Manche behaupten, gefälschten Unterlagen), und der Deutschorden war fast die nächsten 300 Jahre nicht mehr von diesem Gebiet wegzukriegen. Dieser Vertrag war ein der größten Fehler in der polnischen Geschichte.

Jetzt ein Sprung nach vorne. Während in Deutschland die Reformation tobte, kamen die neuen Strömungen auch nach Polen. Polen war damals relativ tolerant gegenüber anderen Religionen - der Anteil von Juden und Orthodoxen unter der Bevölkerung war groß - aber die polnische katholische Kirche wurde ziemlich schnell mit dieser Ketzerei fertig. Es war wahrscheinlich nur deswegen möglich, dass Polen in dieser Zeit ein starker, zentral regierter, katholischer Staat war, und nicht wie Deutschland ein mehr oder weniger loses Verein von Fürstentümer. Also cuius regio eius religio, aber auf einer höheren Ebene als in den deutschen Ländern. Auf jeden Fall war die Reformation in Polen nur eine relativ kurze Episode, die Abweichler wurden bald aus dem Land vertrieben oder zur Rückkehr zur Katholizismus gezwungen. Dabei muss man aber bemerken, dass es in Polen ohne Inquisition und Scheiterhaufen passierte.

Später verfiel Polen immer mehr. Und die Kirche hatte ihr Anteil daran. Zum Beispiel, als 1791 der polnische Parlament die erste in Europa (und zweite in der Welt, nach USA), sehr fortschrittliche und aus der französischen Aufklärung schöpfende Verfassung verabschiedete, empfand es die Kirche als ein Vorhof der Revolution. Die Verfassung verbat zwar den Abkehr von Katholizismus, sollte aber Polen stärken und den Einfluss der Nachbarstaaten auf das Geschehen in Polen beschränken. Das gefiel natürlich Russland und Preußen nicht. Und auch der Kirche - ihre Macht und ihr Vermögen geriet in Gefahr. Schon früher wurde beschlossen, dass die Kirche mehr Steuer für das Heer als die Anderen zahlen sollte, und es sollte noch mehr werden. Der Papst (Pius VI.) verbat sofort, irgendetwas positives von dieser Verfassung zu sagen. Und er wandte sich gleich an die Zarin Katharina, sie möge diesem Blödsinn ein Ende setzen.

Und schon damals liefen solche Unternehmen genau wie auch heute: Man nehme ein Paar (am besten bekannten) Bürger des Ziellandes und bewegt sie (mit Hilfe der Peitsche und/oder Zuckerwasser) offiziell um Hilfe zu bitten. Wir könnten so etwas zuletzt in Ukraine in Sachen Krim beobachten. In Polen damals ging's ganz ähnlich - mehrere ultrakatholische Adeligen und Bischöfe verfassten in St. Petersburg ein Manifest, in dem sie die Verfassung als nichtig erklärten und baten Russland die Ordnung wieder herstellen zu helfen. Natürlich wurde es nicht veröffentlicht, dass das Dokument in Russlands Hauptstadt geschrieben wurde - offiziell hieß es, es passierte in einem Grenzstädtchen namens Targowica (der Name stammt ironischerweise vom targować - feilschen)  - deswegen heißt dieses Komplott Könfederation von Targowica (Übrigens - genau gleiches Drehbuch wurde 1944 gespielt, als die Russen im II. Weltkrieg Polen erreichten). Die Folge war ein polnisch-russisches Krieg und die Zweite Teilung Polens. Im Laufe des Krieges und danach folgenden Kościuszko-Aufstand wurden mehrere Bischöfe erhängt - wegen Verrat und Veruntreuung großer Summen aus der Staatskasse.

Die Kirche präsentierte sich immer (und präsentiert sich auch weiter) als Hüter der Tradition und Verfechter der Unabhängigkeit Polens, viele Priester waren es auch, aber die Hierarchen machten es oft nur vor. Die Meisten folgten immer der Richtung, die die größten Vorteile der Kirche bringen sollte. Und diese Richtung war nur selten die Unabhängigkeit und Stärke Polens. Es tut weh zu sehen, wie heute die Kirche die Jahrestage der Verfassung von 1791 groß feiert und die Meisten glauben, die Kirche war damals dafür. Es ist eine riesige Lüge.

Aber eigentlich war die Teilung Polens der Kirche doch nicht ganz recht. Von den drei Besatzungsmächten war nämlich nur eine - der kaiserliche Österreich - katholisch. Die Russen waren aber orthodox und die Preußen evangelisch. In den österreichischen Gebieten hatte also die Kirche kein Problem und stand treu an dem Kaiser. In den anderen Gebieten wäre es der Kirche lieber, etwas mehr Einfluss zu bekommen und (besonders unter Preußen) der Säkularisierung entgegenzuwirken. Bei den Russen die Garantie für die kirchliche Macht und Einfluss zu suchen war schlicht und ergreifend naiv.

Das waren einige Stationen der gemeinsamen Geschichte Polens und der katholischen Kirche bis 1918. Nicht besonders lustig. Die nächste Folge wird aber mehrere komische Elemente enthalten. Stay tuned.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Betreff: , ,

Kategorie:Polnisches Mikado

Kommentar

Ein Pole ist immer katholisch

Bierki-006Wenn man sich zufällig am Sonntag in der Nähe einer Kirche in Deutschland befindet, wo gerade eine Messe in Polnisch gehalten wird, sieht man es - die Masse der polnischen Katholiken. Es sind so viele, dass sie auch vor der Kirche stehen müssen, manche sogar an der anderen Straßenseite.

Moment aber, wieso an der anderen Straßenseite? Die können doch den Priester weder sehen noch hören! Und vor der Tür ist noch genug Platz, vermutlich würden die alle noch in die Kirche passen! Wer sind sie und was machen sie denn dort?

Die Antwort auf die Identitätsfrage ist einfach zu beantworten: Es sind meistens polnische Bauarbeiter, die aus Kleinstädten oder Dörfer stammen und zeitweise auf deutschen Baustellen arbeiten.

Was sie an der anderen Straßenseite machen? Eine direkte Antwort ist auch einfach, klärt aber wenig: Sie stehen dort. Viele sind extra für die Messe in Polnisch aus der Umgebung angereist, oft stellt ihr polnischer Arbeitgeber ein Kleinbus für die Anreise bereit. Manche von den Angereisten gehen wirklich in die Kirche, die Anderen reisen zwar mit, stehen aber an der anderen Straßenseite. Nach der Messe kommen alle zusammen zum ihren Wohnort zurück. Könnt ihr das verstehen? Sicher nicht.

Dafür ist euer Polenblog-Man da - um Polen verständlich zu machen.  Ich erkläre es euch.

Laut Klischee ist jeder Pole katholisch. Auch nach offiziellen Statistiken polnischer Katholischer Kirche ist etwa 95% Polen katholisch. Wie werden sie gezählt? Es ist einfach, das sind alle die getauft wurden. Kirchenaustritte gibt es kaum.

Na ja, man sagt manchmal, der Superlativ von Lüge heißt Statistik. In Deutschland werden die Gläubigen anders gezählt - sein Glauben muss man besteuern und das zählt von den Kirchen unabhängig der Staat. Die Folge ist, dass man ohne große Probleme aus der Kirche heraustreten kann - man muss es einfach bei einem Amt melden. In Polen dagegen gibt es kein Kirchensteuer, kaum unabhängige Zählungen und praktisch keine Austrittsmöglichkeit aus der Kirche.

"Keine Austrittsmöglichkeit" ist vielleicht nicht vollkommen richtig. Man muss nur über 18 sein, mit nur zwei glaubhaften und getauften Zeugen zur Pfarrei kommen, wo man getauft wurde, und wenn der Pfarrer keine willkürlichen Probleme macht, kann man eine Bescheinigung bekommen, man sei ausgetreten. Weil aber die kirchliche Datensammlung dem staatlichen Datenschutzgesetz nicht unterliegt, kann man gar nicht überprüfen, ob eigener Name nicht mehr in den kirchlichen Büchern steht. Ist es ein Wunder, dass nur die wenigsten sich die Mühe geben, auf diese Weise auszutreten?

Es gibt aber eine bessere, fast glaubhafte Statistik der Gläubigen in Polen. Sie wird von der Kirche selber vorbereitet  und zwar: An einem Sonntag im Jahr werden in jeder Kirche an allen Messen die Besucher (dominicantes) und diese, die zur Kommunion hinzutreten (communicantes) gezählt. Die Teilnahme an der Sonntagsmesse ist jedes Katholiken Pflicht, nur diese die es nicht können (Kranken, Alten usw.) sind entschuldigt. So müsste die Anzahl der dominicantes ein gutes Maß der Anteil der Katholiken sein. Die Ergebnisse werden nicht als absolute Zahlen veröffentlicht, sondern als Prozentwert der Leute, die eigentlich zur Sonntagsmesse kommen sollten. Laut der beschriebenen Methodologie wird bei der Erhebung angenommen, dass 82% der Bewohner des jeweiligen Gebietes zur Messe kommen sollten - Anteil der Kleinkinder, Alten, Kranken und Nichtgläubigen wurde pauschal auf 18% gesetzt.

Trotz dieser Schönrechnung kam die Statistik 2012 (hier LINK) auf genau 40% dominicantes im Landesdurchschnitt. Noch mal: Es ist nicht 40% der Bürger, sondern 40% von diesen, die eigentlich als Katholiken kommen sollten und könnten! 2012 gab es also in Polen etwa 32,8% aktive Katholiken. Auch wenn wir die Alten und Kranken dazu zählen, werden wir sicher auf eine Zahl deutlich unter 50% kommen.

Noch eine Zahl wird ermittelt - Anzahl deren, die zur Kommunion hinzutreten (communicantes). Und das waren 2012 im Landesdurchschnitt nur 16,2%.  Also nur etwa 40% der Messebesucher!

Wenn jemand in Deutschland mal eine katholische Messe gesehen hat, weiß es -  fast alle Messebesucher nehmen hier an der Kommunion teil. Die Kommunion ist doch ein Kernstück des christlichen Glaubens. Nur wenn auf einem eine schwere Sünde lastet, darf er nicht zur Kommunion. Was ist mit polnischen Katholiken? Welche schwere Sünden lasten auf ihnen?

Kaum einer wagt es so klar und deutlich zu sagen, ich tue es aber: Die meisten dieser 60%, die in der Kirche sind aber nicht zur Kommunion hinzutreten, sind in der Wirklichkeit keine Gläubigen. Warum gehen sie doch zur Messe? Hier gibt es viele Gründe, z.B.:

  • Weil ihre Eltern/Großeltern/Lebenspartner usw. es wollen. Und es ist einfacher einmal in der Woche die Stunde abzusitzen, als ständig im Konflikt zu bleiben oder die Familie kaputt zu machen.
  • Weil sie Angst haben sonst ausgegrenzt oder schikaniert zu werden. Diese Motivation gibt es meistens in Kleinstädten und Dörfer, manchmal ist diese Angst auch berechtigt. Aber auch wenn unberechtigt, bleibt der Angst da.
  • Weil es für sie eine Tradition oder eine Angewohnheit ist. Oder ein Ritual im Sinne der Zwangsverhalten.
  • Weil sie ein Zugehörigkeitsgefühl brauchen, und die katholische Kirche ist die am einfachsten erreichbare Gemeinschaft, ohne Beitrittsgebühren, Verbindlichkeiten usw.
  • Weil sie einen starken Anführer oder Wegweiser brauchen um seine Angst unter Kontrolle zu halten.
  • Weil sie dort ihre Freunde treffen.

Versteht ihr jetzt, wer diese Leute sind, die an der anderen Straßenseite stehen?  Es sind diese, die keine Gläubigen sind, nicht wirklich in die Kirche wollen, aber Angst haben von Kollegen ausgelacht zu werden (Es ist eher in ihren Köpfen, als eine wirkliche Bedrohung). Oder wollen nach dem Rückkehr nach Polen seine Frau, Mutter oder seinen Pfarrer nicht dreist belügen - Sie gingen doch in die Kirche!  Oder sie wollen nach der Messe mit seinen Freunden einen trinken gehen.

Eine andere Frage ist aber: Wie viele von den communicantes auch so denken?  Das ist aber ein anderes Mikado-Stab, den ziehe ich ein anderes Mal.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Betreff: , ,

Kategorie:Polnisches Mikado

Kommentar

Wer ist Kowalski?

Wenn man Hollywood-Filme schaut oder Bücher der US-amerikanischen Autoren liest, findet man dort immer wieder einen Helden namens Kovalsky, Kowalsky oder Kowalski.

Er wurde zum Beispiel von Clint Eastwood im Film "Gran Torino" gespielt, es gab ihn im Buch "Cryptonomicon" von Neal Stephenson (zwar nur in einer kleinen Episode) und ein der Madagaskar-Pinguine heißt auch so. Und das sind nur die Beispiele, die mir gleich in den Kopf kamen, davon gibt es viel mehr. Wer ist dieser Kowalski?

Walt Kowalski

Das ist Walt Kowalski (Filmplakat Gran Torino, Warner Bros. 2008)

Fangen wir mit dem Namen an. Kowalski ist der zweitpopulärste polnische Nachname, es stammt von kowal - also Schmidt. Der ursprüngliche Berufsname hat noch die Adelsendung -ski bekommen, Kowalskis gehören aber dem Adel nicht. In Polen gab es 2009 über 140.000 Kowalskis. So nebenbei: Interessant ist, dass in vielen Länder die Vertreter dieser Berufsgruppe den meisten Nachkommen hatten 8-) .

Matt Kowalski

Das ist Matt Kowalski (Gravity, Warner Bros. 2013)

Der Kowalski ist also ein Pole, oder mindestens polnischer Abstammung. Das ist aber nicht alles. Der Name Kowalski ist bei den US-Amerikanern mit ganz bestimmten Charakterzügen und einer ganz bestimmten Figur verbunden - ist also ein Teil eines Stereotyps. Wenn dieser Name fällt, braucht der Held nicht weiter vorgestellt werden. Wir, in Europa, wissen es aber meistens nicht. Was für eine Figur ist er also?

Schauen wir am besten auf den Madagaskar-Pinguinen, solche Comicfiguren entsprechen meistens den Stereotypen ziemlich gut. Der Pinguine Kowalski ist kein Führer wie der Skipper, kein Neuling wie der Private, und kein Psychopath wie der Rico. Der Kowalski ist ein intelligenter, pflichtbewusster, erfahrener und mutiger Soldat. In einem Kinderfilm passiert es natürlich nicht, aber oft opfert ein Kowalski sein Leben im Kampf. Also ein Gegenteil des deutschen Polen-Stereotyps.

Madagascar-Pinguine Kowalski

Das ist auch ein Kowalski (Die Pinguine aus Madagaskar, Dreamworks Animation, 2008- )

Woher kommt dieser Unterschied? Warum ist ein stereotypischer Pole für einen Deutschen ein fauler, betrunkener Dieb und für die militaristisch verrückte Amerikaner ein Kriegsheld der Extraklasse?

Na ja, es ist offensichtlich dass keine Nation einheitlich ist. Die Deutschen werden als "Nation der Dichter und Denker" angesehen (ich, als Ingenieur, würde hinzufügen: "Nation der hervorragenden Ingenieure und Wissenschaftler"), anderseits gibt es auch den Stereotyp eines Deutschen als einen grausamen, gefühllosen Massenmörder.

Zum Glück ist Deutschland vorwiegend zeitlich gespalten und der böse Deutsche ist eher Geschichte. Polen sind aber auf eine ganz andere Weise gespalten  - die beiden Arten von Polen gibt es gleichzeitig und zwar seit Jahrhunderten. Was sind es für Arten?

Die eine Art entspricht ziemlich genau dem in Deutschland herrschenden Stereotyp. Ein Pole dieser Art ist faul, trinkt viel, das Konzept von "Eigentum" ist für ihn unverständlich. Er lebt den Moment und trifft überhaupt keine Vorsorge für die Zukunft. Er versteht keine Verbote und Gesetze (siehe können/dürfen Missverständnis). Manche Vertreter dieser Art machen alles kaputt, nur um Spaß dabei zu haben. Gleichzeitig preist er laut seine Nationalität und sein Glauben an Gott, ja, er sei besser als die allen Anderen. Diese Art betreibt die berüchtigte polnische Wirtschaft.

Die andere Art ist pflichtbewusst, fleißig, schlicht, oft klug oder sogar genial. Von dieser Art stammen die allen Polen die mit eigener, harter Arbeit etwas erreicht haben. Beispiele später.

Natürlich ist es keine diskrete Trennung, auch die pflichtbewusstesten Polen haben rebellische Neigungen, was aber oft ihre Kreativität positiv beeinflusst. Und auch die faulsten haben manchmal Anfälle der Genialität (leider meistens falsch gerichtete). Wo kommt diese Spaltung aber her?

Diese Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Ich konnte schon einige Erklärungsversuche lesen, aber keinen wirklich überzeugenden. Manche wollen glauben, die eine Art stamme von dem Adel, die andere von den Bauern ab. Welche Art von wem wird aber auch verschieden gedeutet. Um es zu erklären, muss ich Paar Sätze über die Geschichte Polens schreiben.

Im alten Polen gab es relativ viele Adelige - bis zu 10% der Gesellschaft. In anderen europäischen Ländern waren es lediglich 1-3%. Der hohe Anteil bedeutete aber, dass die restliche Bevölkerung umso mehr für die Adeligen arbeiten müsste, anderseits auch dass viele Adelige nicht wirklich reicher als manche Bauer waren und manchmal auch seine Acker selber bearbeiten mussten. Es gab auch welche, und zwar ziemlich viele, die praktisch nichts hatten.

Gleichzeitig hatte jeder Adelige, egal wie arm, Recht an der Königswahl teilzunehmen und Verabschiedung jedes Gesetzes mit einer einzigen Gegenstimme (liberum veto) zu verhindern. In der Konsequenz waren die Stimmen der verarmten Adeligen leicht und billig käuflich, gegen Geld oder einfach gegen Alkohol.  Der polnische Staat wurde dadurch handlungsunfähig, und verfiel schließlich.

Ein durchschnittlicher polnischer Adelige war also nicht reich, nicht ausgebildet - die meisten absolvierten nur eine einfache Kirchenschule - konnte nichts wirklich außer kämpfen, Geld ausgeben (was er nicht hatte) und sich besaufen. Sie lebten den Moment... Das kennen wir doch schon, oder?

Die Opposition Adel - Bauern taugt aber nicht als Kriterium für die Entstehung der zwei Polenarten - den durchschnittlichen Bauern ging es nicht besser. Die meisten lebten in Leibeigenschaft und mussten bis zu 10 Mann-Tage (pro Familie) in der Woche auf dem Feld seiner Grundherren arbeiten. Beim Bedarf auch mehr. Sie waren natürlich an effektiver Arbeit gar nicht interessiert. Sie konnten kaum etwas frei entscheiden, so lebten sie den Moment... Seht ihr das wiederkehrende Muster hier?

Ich will hier kein Geschichtsbuch schreiben, so weiter nur Stichwortweise:

  • In Polen gab es kaum Reformation - die katholische Kirche gewann schnell die Oberhand. So konnten sich in Polen die protestantischen Tugenden nicht wirklich ausbreiten.
  • Großer Teil der reicheren Stadtbewohner in Polen war deutscher oder jüdischer Abstammung und war nicht besonders gut in die polnische Gesellschaft integriert.
  • in XVIII Jahrhundert wurde Polen geteilt und verschwand völlig. Das Gefühl der Gemeinschaft litt dabei sehr stark.
  • Danach kam der Napoleon, viele Polen (eher die pflichtbewussten) verloren sein Leben im Krieg oder gingen ins Exil.
  • Dann kamen die weiteren Kriege, besonders im Zweiten Weltkrieg starben (oder wurden gezielt ermordet) viele gut ausgebildete und pflichtbewusste Polen.
  • Kommunismus nach dem Zweiten Weltkrieg war auch nicht besonders tugendfordernd

So wundere ich mich jetzt selber, dass es überhaupt noch intelligente, fleißige und pflichtbewusste Polen gibt. Die gibt es aber. Mich zum Beispiel.

Spaß beiseite. Natürlich gab es auch Polen der "guten" Art in jeder Gesellschaftsschicht. Polens Problem war und ist, dass diese "besseren" Polen sich vor allem im Ausland entfalten können. Seit über 200 Jahren gibt es ständig etwas, was das Schaffen in Polen sehr erschwert oder ganz unmöglich macht. Teilung, Krieg, Aufstand, Okkupation, Diktatur, Repressionswelle, Krise... Und noch die "polnische Hölle" - das ist aber ein anderer Mikado-Stab. Welle für Welle wandern Polen aus, freiwillig oder unter Druck, und es sind vor allem eben die Ausgebildeten, Pflichtbewussten, Unternehmungslustigen... Fast jedes Jahrzehnt hat seine Emigrationswelle. Mehr dazu in einem anderen Beitrag.

Die Grundlagen des amerikanischen Kowalski-Stereotypes legten zwei polnische Generäle während des Unabhängigkeitskrieges - es waren die Tadeusz Kościuszko und Kazimierz Pułaski. Kościuszko wurde vor allem als Militäringenieur berühmt, Pułaski als tapferer Krieger. Die beiden werden von den Amerikanern bis heute sehr geehrt. Die echten Kowalskis kämpften aber im Zweiten Weltkrieg und waren eher die Kinder polnischer Auswanderer, die um 1900 in die USA kamen.

Und die alle waren katholisch. Weil jeder Pole ist katholisch, oder? Mehr dazu in der nächsten Folge.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Betreff: , ,

Kategorie:Polnisches Mikado

Kommentar

Ein Pole hat keine Angst. Nie!

Es gibt in Polen viele Witze, die auf Stereotypen über verschiedene Nationen basieren. Die meisten davon handeln von einem Polen, einem Russen und einem Deutschen, von denen natürlich der Pole der Beste ist und der Deutsche der Schlechteste. Aber passend hier ist ein ganz anderer Witz und der läuft ungefähr so: In einem Flugzeug fliegen Vertreter verschiedener Nationen. Plötzlich geht die Maschine kaputt und fängt an Höhe zu verlieren. Das Flugzeug muss sofort leichter gemacht werden, alles Mögliche wurde schon hinausgeworfen, jetzt muss sich jemand opfern. Alle nacheinander werden überzeugt und jede Nation reagiert auf andere Argumente. So:

  • Ein Deutsche springt, weil es ein Befehl ist
  • Ein Engländer springt für England und die Queen
  • Ein Franzose springt, weil es jetzt Mode ist
  • Ein Italiener springt um Frauen und Kindern zu retten
  • Ein US-Amerikaner springt, weil es gut bezahlt wird

Und so weiter, alles ziemlich blöde Klischees. Aber warum springt ein Pole? Ihm sind alle Beweggründe anderer Nationen wurscht. Er reagiert nur auf eins - auf einen Vorwurf, er habe Angst zu springen. Er habe keine Angst! Nie! Er springt sofort!

Wenn wir aber darüber nachdenken, kommen wir zum Schluss, dass es eben das Gegenteil sein muss. Wenn einer ständig allen anderen etwas  beweisen muss, dann ist er einfach nicht selbstbewusst genug! (Symptomatisch: das Begriff Selbstbewusstsein in deutscher Wikipedia hat keinen Link zum polnischen Begriff).

Es wäre natürlich eine ungerechte Generalisierung zu sagen, dass alle Polen nicht selbstbewusst sind und ständig Angst haben, aber etwas ist dran. Und wenn man den öffentlichen Diskurs und Parteileben in Polen beobachtet, sieht man eine relativ klare Trennlinie zwischen den "Normalen" und diesen mit mangelndem Selbstbewusstsein. Ein guter Filter dafür ist das Verhältnis zur Smolensk-Katastrophe.

Ein wirklich selbstbewusster Mensch hat kein großes Problem zuzugeben, dass er Fehler gemacht hat und er wird aus diesen Fehler lernen. Ein unsicherer Angsthase wird seine Fehler immer leugnen, mindestens öffentlich wird er immer die Schuld den Anderen zuschieben. Privat aber wird er sich mit Schuldgefühlen quälen.  Kein Wunder dass er dann frustriert und zickig ist.

So meinen die meisten ausgebildeten und selbstbewussten Polen, im Smolensk sei ein Unfall passiert, peinlich zuzugeben, aber von Polen selber verschuldet. Es gibt aber eine große und laute Gruppe die meint, der Präsident sei in einem Attentat gefallen. Nein! Kein Pole wäre schuld! Die polnischen Piloten wären Klasse, die könnten sogar ein Scheunentor fliegen! Die Piloten könnten frei entscheiden und wollten nur schauen ob der Boden zu sehen wäre! Dann würden sie von Russen zur Landung gezwungen. Es gebe keine Widersprüche in dieser Theorie! Putin habe unseren Präsidenten, den Retter der Nation, umgebracht!

Dabei entstehen teilweise oberkomische Verschwörungstheorien, zum Beispiel:

  • Auf jeden Fall wären es die Russen! Die wollten seinen Erzfeind, den besten polnischen Präsidenten aller Zeiten loswerden!
  • Der russische Lotse habe die Maschine zur Landung gezwungen, indem er die Landung nicht ausdrücklich verboten und den Flughafen nicht geschlossen hätte. Das was ich jetzt hier, vor der Tastatur, mache heißt in Internet-Jargon facepalm. Für die einzige mir bekannte Möglichkeit ein Flugzeug von außen zur Landung zu zwingen braucht man einen bewaffneten Düsenjäger in der Nähe.
  • Der Nebel würde künstlich erzeugt. Ich verstehe nicht, was es ändern sollte. Keine Sicht - keine Landung, egal natürlicher oder künstlicher Nebel.
  • Das russische Transportflugzeug, das kurz vor der Maschine des polnischen Präsidenten landen wollte, habe jede Menge flüssigen Sauerstoff (oder Stickstoff, oder was auch immer) versprüht, um Nebel entstehen zu lassen. Die offensichtliche Frage, wo der Nebel bei der Landung der Maschine mit Journalisten her käme, was schließlich vorher passierte, wird dann als persönliche Beleidigung betrachtet und nicht beantwortet.
  • Eine Aerosolbombe würde abgefeuert. Dies ist noch ein relativ realistisches Konzept. Schade nur, dass im Walde, wo die Maschine abgestürzt ist, keine Spuren davon zu sehen sind.
  • Im Flugzeug gab es eine Bombe, die ferngezündet würde. Oder zwei. Oder noch mehr davon. Na ja... Wenn man so einfach in die Regierungsmaschine reihenweise Sprengsätze einbauen könnte, wäre es eine Megaschande für den Verfassungsschutz! Aber warum sollten diese Ladungen gerade bei einer Landung im Nebel gezündet werden?
  • Kurz vor der Landung hätten die Russen aus riesigen, unterirdischen Tanks jede Menge Helium herausgepustet, so hätte die Maschine zu wenig Triebkraft. So etwas ist sogar schwierig zu kommentieren - es war sicher eine Überdosis der James Bond Filme.
  • Die meisten Passagiere der Unglücksmaschine hätten den Absturz überlebt, alle würden aber danach von einem russischen Kommando erschossen. Der Beweis: Auf einem Amateurvideo, das kurz nach dem Unglück mit einem Handy aufgenommen wurde, in der zweiten Minute seien angeblich Schüsse zu hören. No comments von meiner Seite.
  • Die Russen hätten die Maschine mit allen Passagieren entführt und ließen ihre Kopie abstürzen. Der Präsident und alle anderen bleiben irgendwo in Sibirien gefangen. Glaubt ihr, dass so etwas in manchen Kreisen ernst diskutiert wurde? Für mich klingt es nach mittelmäßigen Science Fiction, der Film (mit Mick Jagger) hieß Freejack.

Und das ist längst nicht alles!  Alle diese Theorien beziehen sich auf die letzten Flugminuten, über Mangeln in Pilotenausbildung wird kein Wort verloren, und dass der General der Luftstreitkräfte im Cockpit hinten saß, solle kein Druck auf die Besatzung bedeuten.

In jedem Land gibt es solche Verschwörungstheoretiker, in Polen machen die aber etwa 30% der Gesellschaft. Heftig, oder? Seltsamerweise (oder auch nicht) sind es in den meisten Fällen die Wähler und Sympathisanten der Partei der Kaczyński-Gebrüder. Wir müssten diese Partei und ihre Führer genauer betrachten, aber die Grundregel von Mikado ist: Stäbe einzeln nehmen! Also bis zur nächsten Folge.

Zur Ursachen und weiteren Symptomen der allgemeinpolnischen Angststörung komme ich bald auch.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Betreff: ,

Kategorie:Polnisches Mikado

Kommentar

Ein polnischer Pilot kann sogar ein Scheunentor fliegen

Viele der berühmten Piloten waren Polen. Zum Beispiel der Stanisław Skarżyński, der als erster den Südatlantik mit einer kleinen, einmotorigen Maschine (RWD-5bis) durchquert hat (dabei flog er im Abendanzug, um Gewicht der Ersatzkleidung zu sparen :lol:), bis heute schaffte keiner in einem kleineren Flugzeug diese Strecke. Oder der Franciszek Żwirko, der Challenge 1932 in Berlin mit RWD-6 gewann. Legendär sind die Verdienste polnischer Piloten in der Luftschlacht um England. So entstand der Spruch, dass ein polnischer Pilot so gut sei, dass er sogar ein Scheunentor fliegen kann. Später wurde es auch bestätigt, als die Polen die meisten (13 pro 20) Weltmeisterschaften im Präzisionsfliegen mit Abstand gewannen.

RWD-5bis, ZTS Plastyk, Skala: 1:72

RWD-5bis aus Skarżyński's Südatlantikflug (Modell)

Was hat es aber mit dem vorherigen Mikado-Stab zu tun? Fliegen (wie viele andere Tätigkeiten auch) ist heutzutage weniger die Sache des Könnens, mehr aber der Einhaltung der Vorschriften und Prozeduren. Und damit haben viele Polen Probleme. Und wir sind wieder beim können/dürfen.

Jeder Leser, der sich für das Geschehen in der Welt interessiert, kann sich sicher an diese Bilder erinnern. 10.04.2010, die polnische Regierungsmaschine liegt in Trümmern im Wald beim Smolensk. Schwer zu glauben, es war aber auch die Folge des können/dürfen Missverständnisses. Aber in der Reihe nach.

Katastrophe polnischer Regierungsmaschine in Smolensk

Katastrophe polnischer Regierungsmaschine in Smolensk Quelle: {a href="http://www.prsteam.net/"]PRSteam.net{/a] via Wikipedia

Es ist eine so blamierende Geschichte, dass es für mich peinlich ist, sie den ausländischen Lesern zu erzählen. Wieder berühren sich an diesem Punkt viele Mikado-Stäbe, ich versuche aber die Anderen möglichst wenig anzufassen, zu diesen komme ich später.

Es ging so: Der damalige Präsident Lech Kaczyński (Stab momentan in Ruhe lassen), wollte nach Katyń fliegen. In Katyń wurden 1941 tausende polnische Offiziere von Sowjeten ermordet, für die polnischen Patrioten, insbesondere die rechtsorientierten, ist es ein fast heiliger Ort (Stab vorläufig nicht berühren). Der nächste Flugplatz liegt beim Smolensk, ist aber seit mehreren Jahren stillgelegt. Übrigens: Es war ein Militärflughafen.

Ein paar Tage davor gab es ein offizielles Treffen von dem polnischen Ministerpräsidenten Tusk (Finger weg von dem Stab) und seinen russischen Pendant Putin in Katyń. Dafür wurde der Flugplatz entsprechend ausgestattet , auch mit ILS und jedem Schnickschnack, für den einen Tag wieder geöffnet, aber danach wurde alles demontiert.

2010 war ein Wahljahr, so wollten die Gebrüder Kaczyńscy (ich muss der Versuchung widerstehen, diesen Stab gleich mitzunehmen)  bei seinen Wähler mit diesem Besuch punkten. Weil sie dem Rechtskonservativen und patriotischen Lager angehören (und alle seine Mitstreiter und Beamten auch), ging alles in bester Tradition der polnischer Wirtschaft vor sich:

  • Der Besuch sollte so hochkarätig wie möglich besetzt werden. So saßen im Flugzeug mehrere Generäle, Parlamentarier (auch aus anderen Parteien), der letzte Exil-Präsident Kaczorowski und viele Angehörigen der Ermordeten. Ja, alle in einem Flugzeug.
  • Die Regierungsmaschine wird in Polen (wie in meisten anderen Länder auch) von Armeepiloten geflogen. Der Präsident ist gleichzeitig der oberste Befehlshaber, mit dabei war auch der General Błasik, der Befehlshaber der polnischen Luftstreitkräfte, direkt verantwortlich auch für die Einheit, die die Piloten bereitstellte. Er war auch ein Vertrauter der Kaczyński-Brüder und saß zusammen mit ihm gleich hinter dem Cockpit (diesen Stab nehme ich bald, noch in diesem Beitrag, mit).
  • Die Russen öffneten den Flugplatz für Paar Flüge an diesem Tag, die polnische Seite verzichtete auf einen russischen Lotsen an Bord. Wozu ein Russe an Bord? ILS am Flughafen wurde natürlich nicht installiert - so etwas wird nur für Putin gemacht. Macht nichts, ein polnischer Pilot kann sogar ein Scheunentor fliegen und braucht kein ILS.
  • Das Militär plante den Flug, Start wurde entsprechend früh festgelegt (6 Uhr) um eventuell in einem Ausweichflughafen landen zu können. Die Kanzlei des Präsidenten verschob den Start um eine Stunde nach hinten. Dann kam der Präsident noch eine halbe Stunde später - um 7 Uhr zu starten wäre doch unmenschlich. Macht nichts, alles wird doch gut gehen, oder?
  • Die Kanzlei bereitete keinen Plan B vor - alles wird gut gehen, oder?
  • Von der Crew hatte nur ein Mitglied alle notwendigen und aktuellen Zertifizierungen für den Flugzeugtyp und es war keiner der Piloten. Alle hatten zu wenige Schulungen gehabt, einiges davon war gefälscht. Übungen mit einem Flugsimulator gab es nicht, weil der im Russland steht. Und die Russen sind doch die Erzfeinde jeden polnischen Patrioten, bei denen zu üben wäre Schande und Verrat. Aber macht nichts, ein polnischer Pilot kann sogar ein Scheunentor fliegen.
  • Die Piloten bekamen keine Wettervorhersage für den Zielort vor dem Abflug. Wozu auch? Alles wird gut gehen, oder?
  • Dafür gibt es keine Beweise, nur starke Indizien, aber: Vor dem Flug meldete der General Błasik die Bereitschaft der Maschine dem Präsidenten, nicht der Flugkapitän (Arkadiusz Protasiuk), wie es üblich ist. Die beiden stritten wahrscheinlich vorher darüber. Aber der General wollte noch mehr bei dem Präsidenten punkten und hat sich durchgesetzt. Was ist Vorschrift gegenüber eigener Karriere?
  • Während des Fluges war die Tür zwischen Cockpit und Präsidentensalon ständig geöffnet. Die Piloten hatten also die zwei obersten Glieder der Befehlskette ständig am Kragen. Etwas Kontrolle hat noch keinem geschadet, oder? Und wenn jemand so gut ist, dass er sogar ein Scheunentor fliegen kann, braucht keine Angst zu haben, nicht wahr?
  • Nur der Kapitän konnte etwas Russisch und konnte sich mit russischer Flugführung verständigen (was normalerweise nicht zu seinen Aufgaben gehört). Russische Militärprozeduren kannte er nicht. Wozu aber - ein polnischer Pilot...
  • Während sie flogen, stieg im Smoleńsk dichter Nebel auf. Eine polnische Maschine mit Journalisten, die früher gestartet war, schaffte aber eine Landung. Gegen alle Vorschriften und Verbote aus dem Tower. Ein polnischer Pilot... Danach wollte noch ein russischer Transportflugzeug dort landen (auch gegen Vorschriften), gab es aber nach zwei Versuchen auf. Die Russen können eben nicht fliegen.
  • Inzwischen wurde der Präsident benachrichtigt, die Landung sei unmöglich. Er sollte entscheiden, was weiter gemacht wird. Es liegt eigentlich in der Verantwortung des Kapitäns, aber Vorschriften werden nicht für Große Staatsmänner geschrieben. Der Präsident rief also seinen Bruder an (wieder ein Stab, nicht jetzt!) Es gibt keine Aufnahme dieses Gesprächs (es sei denn, die Amerikaner haben mitgehört und mitgeschnitten), wahrscheinlich aber hat der Bruder die Landung in Smoleńsk gefordert. Der Präsident sagte nichts und der Kapitän hatte Angst (berechtigterweise, dazu später mehr) nicht zu landen. Na ja, eben ein polnischer Pilot...
  • Der Pilot dürfte nach seinem Zertifikat bei dieser Sicht nicht tiefer als 120m fliegen, von Tower bekam er Erlaubnis bis 100 m. Und was machte er? Nach falscher Prozedur ein Landeanflug anfangen. Ein polnischer Pilot, kann eben sogar ein Scheunentor fliegen.

Ist es jetzt klar, was es mit können/dürfen Unterschied zu tun hatte? Alle konnten etwas, keiner dachte, ob er es darf. Alle Vorschriften und Regeln waren nichts, man konnte alles. Und die Folge: 96 Tote.

Bierki-005

Und es war kein Einzelfall - das ganze hatte ein Vorspiel (eigentlich mindestens zwei). Die wichtige Frage ist, warum der Pilot nicht einfach wo anders landen wollte.

Und es war wieder eine können/dürfen Geschichte. Der Kapitän Protasiuk aus dem Flug nach Smoleńsk flog etwas mehr als ein Jahr zuvor (2008) mit dem Präsidenten als zweiter Pilot nach Georgien. Während des Fluges wollte der Kaczyński wo anders als geplant landen und der Kapitän weigerte sich die Flugroute zu ändern. Es wäre doch gegen Sicherheitsvorschriften, es war doch Kriegszone. Kaczyński wollte sich als Oberbefehlshaber der Streitkräfte durchsetzen, der Kapitän blieb aber unbeeindruckt.

Solches Verhalten lassen die Kaczyński Brüder nicht zu. Für sie gibt es kein darf man nicht. Der Flugkapitän wurde öffentlich als Feigling bezeichnet und hatte viele Probleme im Dienst. Ein Abgeordneter aus dem Kaczyńskis Lager verlangte offiziell nach seinem Entlassen. Protasiuk sah das alles genau und er hatte eine Frau und zwei Kinder zu versorgen. Brauche ich es weiter zu erklären?

Gehen wir noch weiter zurück: Januar 2008. 16 Kommandanten der polnischen Luftstreitkräfte und 4 Besatzungsmitglieder fliegen mit einer Militärmaschine der Marke CASA nach Hause. Alle nahmen an einer Konferenz teil, das Thema war - ironischerweise - Flugsicherheit bei der Luftstreitkräften. Beim Anflug an Militärflughafen in Mirosławiec, bei schlechten Sichtverhältnissen crashte die Maschine. Alle tot. Der gesamte Ablauf und die Ursachen der Katastrophe waren der Smolensk-Ereignisse ziemlich ähnlich. Schlechte Ausbildung der Piloten, Nichteinhalten der Vorschriften und Prozeduren usw.

Jetzt das bizarrste und traurigste: Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte war damals der General Błasik, nominiert von Präsident Lech Kaczyński und sein Vertrauter. Er müsste eigentlich die politische Verantwortung wahrnehmen und gehen, der Präsident stand aber fest hinter ihm. So blieb er auf seinem Posten. Er versprach die Zustände bei den Luftstreitkräften zu verbessern, alles blieb aber beim Alten. Und der Błasik würde danach natürlich alles für Kaczyńskis tun, egal ob man es darf, oder nicht. Manche Leute lernen nie etwas.

Im Smolensk-Unfall fand auch der Abgeordnete aus Kaczyńskis Lager tot, der offiziell im Parlament verlangte, den Georgien-Piloten wegen Feigheit zu entlassen. Manches darf man einfach nicht, manche begreifen es nie. Oder zu spät.

Aber warum ist es so? Oh! Das ist ein meiner Lieblingsstäbe! Den ziehe ich in nächster Folge heraus!

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Betreff: , ,

Kategorie:Polnisches Mikado

Kommentare: (3)

Ein Pole darf nicht – er kann

So ein umfangreiches Thema wie Polen anzugehen, erinnert mich an ein Geschicklichkeitspiel, das in Deutschland Mikado heißt. Es geht darum, aus einem Haufen von Stäben jede nacheinander herauszunehmen, ohne dabei die anderen zu berühren oder zu bewegen. In einem komplexen Thema sind alle Aspekte miteinander eng verknüpft, die einzelnen Teile muss man - wie beim Mikado - geschickt heraustrennen.

Die in Polen populäre Variante von Mikado heißt bierki (der Name kommt von brać - nehmen), die Stäbe sind aus Plastik und haben verschiedene Formen, die aus der Seefahrt entstammen - Speer, Paddel, Harpune, Bootshacken und Dreizack. Die einzelnen Formen werden verschieden gepunktet, die Spielidee ist aber genau die gleiche wie bei Mikado.

Die Idee, Polen über die Sprache zu erklären, war ganz gut. Ich habe langsam einen Plan, wie ich die Beiträge weiter schreiben soll. Ich werde die Mikado-Metapher verfolgen - die einzelnen Themen herauspicken, aber möglichst ein auf einmal. Heute der erste Stab: zwei Modalverben - können und dürfen. Ich hatte schon einen Beitrag über die deutschen Wörter können und dürfen für Polen, jetzt das Gleiche aber umgekehrt - über polnischem Verständnis von diesen zwei Verben für Deutsche.

Die Formen, die auf dem Titelbild meines Blogs und auf einigen anderen Bilder zu sehen sind, sind eben Bierki-Stäbe. Was vielleicht manche Leser gerade bemerkt haben: Ich habe mehrere Beiträge geschrieben bevor ich mit dem Blog offiziell gestartet habe. Deswegen heißt mein Blog schon vom Anfang an  "Polnisches Mikado" (ursprünglich wollte ich ihn "Polen, so nah und doch so fern..." nennen, was schließlich in den Untertitel gewandert ist) und hat auch Fotos mit bierki-Stäben, natürlich in Weiß und Rot - den polnischen Nationalfarben. Vielen Dank an agatanal, die mir die bierki geschickt hat, weil aber keine in Rot und Weiß zu finden waren, müsste ich die selber lackieren.

Na dann fange ich an: Für die Deutschen ist der Unterschied zwischen können und dürfen offensichtlich, ich brauche es gar nicht zu erklären. In Polen ist es aber anders. In Polen fragt keiner auf die Weise, die man wörtlich ins Deutsche als "Darf ich?" übersetzen würde. Diese Frage lautet immer "Kann ich?". Den Unterschied muss man einem Pole lange erklären und dieses Konzept ist für ihn schwer verständlich. Es gibt Sprichwörter wie "Wenn man will, kann (ein Deutsche würde hier darf sagen) man alles, nur langsam und vorsichtig". Für einen Polen, wenn er etwas kann, dann darf er es auch. Eventuell muss er dabei aufpassen, damit er dabei nicht erwischt wird.

Es gibt auch prominente Beispiele dieser Denkweise. Vielleicht dieser: Es gibt in Polen einen konservativen Politiker aus Krakau, der sogar mal ernsthaft als ein Kandidat für Ministerpräsidentenposten betrachtet wurde. Er ist etwas exzentrisch, trägt immer einen Hut, sein zweiter Vorname ist Maria (natürlich nach der Gottes Mutter). Seine Frau ist eine ebenso exzentrische Russland-Deutsche. Jan Maria Rokita heißt er (lustigerweise heißt in vielen polnischen Märchen ein der Teufeln eben Rokita). Quintessenz des polnischen Konservatismus. Vor Paar Jahren, als er schon nicht mehr in der Politik präsent war, flog er mit einem Lufthansa-Flieger aus München nach Krakau in Economy Class. Oder besser gesagt: Er wollte fliegen. Vor dem Start wollte er sein Mantel in einem Schrank im Business Class hängen lassen und sein Hut dort ablegen. Die Flugbegleiterin weigerte sich es ihm zu erlauben und er konnte es überhaupt nicht begreifen! Für ihn war es total unverständlich dass es ein Ding gibt, das er machen kann, aber nicht darf. Er stellte sich stur ("Wissen Sie wer ich bin?" - er war aber niemand mehr), und rief in Richtung der im Flugzeug sitzenden Polen: "Hilfe! Deutsche schlagen mich! Sie sind doch Polen, bitte helfen Sie mir!". Die gerufene Polizei holte ihn aus dem Flieger in Handschellen heraus, und er sollte ein sattes Bußgeld bezahlen. Er tat es nicht und bis heute steht in Deutschland ein Haftbefehl gegen ihn. Immer noch glaubt er, er würde wegen seiner Nationalität misshandelt. Es ist umso seltsamer, dass er Jura studierte, er müsste eigentlich etwas von Recht, Gesetz und Vorschrift verstehen!

(Wenn jemand etwas mehr darüber wissen möchte, HIER ein Link zum Artikel in deutscher Wikipedia. Der misst aber den wirklichen Streitpunkt.)

Das Positive daran: Immer mehr Polen verstehen den können/dürfen Unterschied. Der Politiker wurde in Polen allgemein ausgelacht und seine Schreie im Flugzeug (die jemand aufnahm) waren eine Weile lang ein beliebtes Handy-Klingelton. Keiner der Mitfliegenden hatte Verständnis für ihn.

Diese Geschichte war ziemlich lustig (etwas weniger wenn man bedenkt, dass so ein Mensch Ministerpräsident werden könnte), ich will aber keine Konkurrenz der Boulevard-Presse machen. Bei mir wollen wir den Sachen tiefer auf den Grund gehen. Also die Frage: Wie kommt das?

Hier kommen wir zu einem Punkt, in dem unser Stab viele andere Stäbe berührt. Der nächste Stab, den ich herauspicke, ist mit diesem so eng verbunden, wie die zwei Teile eines Dreschflegels: Der können/dürfen Unverständnis kann zu Katastrophe und Tod führen. Unbedingt die nächste Folge lesen!

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Betreff: , , ,

Kategorie:Polnisches Mikado

Kommentare: (1)