Ein polnischer Bischoff kommt selten allein – Polen und die Kirche bis 1918
Polen, so nah und doch so fremd. Zwischen Polen und Deutschland, manchmal auch in der DDR.

Ein polnischer Bischoff kommt selten allein – Polen und die Kirche bis 1918

Nach einer langen Pause - ich habe leider nicht genug Zeit zum regelmäßigen bloggen - gibt es wieder neue Folgen. Das Thema ist der schwierige Verhältnis zwischen Polen und der katholischen Kirche.

Wie es schon im einem der letzten Beiträge erläutert wurde, sind die angeblich erzkatholischen Polen in der Masse keine richtigen Gläubigen, selbst wenn sie zur Messe gehen. Jetzt beschäftige ich mich genauer mit den Leuten, die die Messe halten.

Die polnische katholische Kirche unterscheidet sich erheblich von der deutschen. Die Unterschiede sind besonders deutlich ganz unten, in den Pfarreien zu sehen, das ist aber ein anderer Mikado-Stab. Selbst den heutigen Stab trenne ich in mehrere Teile - der Text wurde immer länger und sprengte langsam, aber deutlich die sinnvollen Rahmen für ein Beitrag. Heute werde ich über der Kirche in Polen bis 1918 schreiben, der nächste Beitrag wird über der Zeit zwischen den Weltkriegen handeln, zum Schluss die restliche Geschichte der katholischen Kirche in Polen. Und dann noch ein, über der heutigen Lage. Also zurück zu katholischer Kirche.

Die Geschichte der Kirche in Polen war eine ganz andere als in Deutschland. Die deutsche katholische Kirche hat seinen besten Tage schon längst hinter sich. Vor mehr als 200 Jahren herrschte sie aber über einen bedeutenden Anteil der Fläche der deutschen Länder. Die Fürstbischöfe vereinten die geistliche Macht mit der säkularen, die Kirche war steinreich. In Polen war alles etwas anders. Es gab nur einen, ganz kleinen kirchlichen Herzogtum (Siewierz), in polnischer Sprache entstand sogar kein Wort für einen Bischof, der gleichzeitig ein Fürst ist.

Es bedeutet aber nicht, dass die polnische katholische Kirche keinen Einfluss auf die Politik hatte. Schon der erste polnische Fürst, der Mieszko der Erste, Gründer des polnischen Staates, nahm wahrscheinlich aus politisch-strategischen Gründen das christliche Glauben an (966) und gab auf diese Weise der Kirche Einfluss auf sein Gebiet.  Doch dieser Einfluss war nicht so direkt, wie in Deutschland - die zu direkten Einwirkungen wurden schnell eingedämmt. Einer der frühen polnischen Könige (Boleslaw II der Kühne) wollte im Jahre 1079 keine starke kirchliche Einmischung zulassen. Nach wenigen und etwas unsicheren Überlieferungen hatte der König einen Streit mit dem Bischof Stanislaus von Krakau. Der Streit eskalierte, als Folge exkommunizierte der Bischof den König. Daraufhin verurteilte der König den Bischof zur Tode. Weil aber keiner der königlichen Ritter den Urteil vollstrecken wollte, sollte der König selbst den Bischof in seiner Kirche, beim Altar, während einer Messe, eigenhändig erschlagen.

Ermordung von Stanislaus von Krakau, Bild von Jan Matejko

Ermordung von Stanislaus von Krakau, Bild von Jan Matejko

Der Kirche sich nicht einmischen lassen war vielleicht auf längere Sicht eine gute Idee, kurzfristig hatte sie aber für den König fatale Folgen. Ein Aufstand gegen ihm brach aus, er musste fliehen und kam nie wieder nach Polen zurück. Laut Sage starb er als stummer Büßer im Kloster Ossiach in Kärnten. Der Bischof Stanislaus wurde 1253 als Märtyrer heiliggesprochen. Vielleicht war es diese Geschichte, die die Verhältnisse zwischen Staat und Kirche in Polen nachträglich beeinflusste. Bei der Kirche sitzen diese Ereignisse bis heute - 1963 erklärte der Papst Johannes der XXIII den Hl. Stanislaus zum Schutzpatron Polens, 1979 erhob der Johannes Paul der II. seinen Gedenktag zu einem gebotenen Feiertag. Die Intention ein Zeichen gegen die kommunistische Regierung zu setzen, ist hier deutlich sichtbar.

Aber nicht zu schnell, zurück zur Geschichte.

Der nächste große Problem Polens mit der Kirche war selbst verschuldet. Als Polen Anfang des XIII. Jahrhundert zersplittert war, hatte ein der Herzöge (Konrad I. von Masovien) ein Problem mit seinen prußischen, heidnischen Nachbarn. Weil er damit nicht selbst fertig werden konnte, beauftragte er ein externes Unternehmen. Dieses Unternehmen gehörte indirekt dem Vatikan-Konzern, die Leitung und die meisten Mitarbeitern dieser Firma waren Deutsche. Der Name der Firma war Orden der Brüder vom Deutschen Haus Sankt Mariens in Jerusalem, wie man sieht ein überregionales Großunternehmen. In der Satzung der Firma stand Gesundheitswesen als Branche, in der Wirklichkeit war es eher ein Sicherheitsunternehmen, etwa wie Blackwater/Academi heute.

Die Firma Deutschorden bekam also 1226 den Auftrag, sich um Ordnung auf den prußischen Gebieten zu kümmern,  und bei dieser Gelegenheit Demokratie Christentum auf diese Gebiete zu exportieren. Das Unternehmen hatte zwar schon in seinem Portfolio einen ernsten Streit mit dem Auftraggeber, Herzog Konrad ignorierte es aber und hoffte auf ein besseres Verhältnis. Anfangs ging's ganz gut, aber später machte sich der Auftragnehmer doch wieder viel zu selbständig und griff sogar ab und zu den Auftraggeber an. Als der Herzog den Vertrag kündigen wollte, schaltete die Firma die Konzernzentrale ein. Der Papst erweiterte sogar einseitig den Vertrag (anhand, wie Manche behaupten, gefälschten Unterlagen), und der Deutschorden war fast die nächsten 300 Jahre nicht mehr von diesem Gebiet wegzukriegen. Dieser Vertrag war ein der größten Fehler in der polnischen Geschichte.

Jetzt ein Sprung nach vorne. Während in Deutschland die Reformation tobte, kamen die neuen Strömungen auch nach Polen. Polen war damals relativ tolerant gegenüber anderen Religionen - der Anteil von Juden und Orthodoxen unter der Bevölkerung war groß - aber die polnische katholische Kirche wurde ziemlich schnell mit dieser Ketzerei fertig. Es war wahrscheinlich nur deswegen möglich, dass Polen in dieser Zeit ein starker, zentral regierter, katholischer Staat war, und nicht wie Deutschland ein mehr oder weniger loses Verein von Fürstentümer. Also cuius regio eius religio, aber auf einer höheren Ebene als in den deutschen Ländern. Auf jeden Fall war die Reformation in Polen nur eine relativ kurze Episode, die Abweichler wurden bald aus dem Land vertrieben oder zur Rückkehr zur Katholizismus gezwungen. Dabei muss man aber bemerken, dass es in Polen ohne Inquisition und Scheiterhaufen passierte.

Später verfiel Polen immer mehr. Und die Kirche hatte ihr Anteil daran. Zum Beispiel, als 1791 der polnische Parlament die erste in Europa (und zweite in der Welt, nach USA), sehr fortschrittliche und aus der französischen Aufklärung schöpfende Verfassung verabschiedete, empfand es die Kirche als ein Vorhof der Revolution. Die Verfassung verbat zwar den Abkehr von Katholizismus, sollte aber Polen stärken und den Einfluss der Nachbarstaaten auf das Geschehen in Polen beschränken. Das gefiel natürlich Russland und Preußen nicht. Und auch der Kirche - ihre Macht und ihr Vermögen geriet in Gefahr. Schon früher wurde beschlossen, dass die Kirche mehr Steuer für das Heer als die Anderen zahlen sollte, und es sollte noch mehr werden. Der Papst (Pius VI.) verbat sofort, irgendetwas positives von dieser Verfassung zu sagen. Und er wandte sich gleich an die Zarin Katharina, sie möge diesem Blödsinn ein Ende setzen.

Und schon damals liefen solche Unternehmen genau wie auch heute: Man nehme ein Paar (am besten bekannten) Bürger des Ziellandes und bewegt sie (mit Hilfe der Peitsche und/oder Zuckerwasser) offiziell um Hilfe zu bitten. Wir könnten so etwas zuletzt in Ukraine in Sachen Krim beobachten. In Polen damals ging's ganz ähnlich - mehrere ultrakatholische Adeligen und Bischöfe verfassten in St. Petersburg ein Manifest, in dem sie die Verfassung als nichtig erklärten und baten Russland die Ordnung wieder herstellen zu helfen. Natürlich wurde es nicht veröffentlicht, dass das Dokument in Russlands Hauptstadt geschrieben wurde - offiziell hieß es, es passierte in einem Grenzstädtchen namens Targowica (der Name stammt ironischerweise vom targować - feilschen)  - deswegen heißt dieses Komplott Könfederation von Targowica (Übrigens - genau gleiches Drehbuch wurde 1944 gespielt, als die Russen im II. Weltkrieg Polen erreichten). Die Folge war ein polnisch-russisches Krieg und die Zweite Teilung Polens. Im Laufe des Krieges und danach folgenden Kościuszko-Aufstand wurden mehrere Bischöfe erhängt - wegen Verrat und Veruntreuung großer Summen aus der Staatskasse.

Die Kirche präsentierte sich immer (und präsentiert sich auch weiter) als Hüter der Tradition und Verfechter der Unabhängigkeit Polens, viele Priester waren es auch, aber die Hierarchen machten es oft nur vor. Die Meisten folgten immer der Richtung, die die größten Vorteile der Kirche bringen sollte. Und diese Richtung war nur selten die Unabhängigkeit und Stärke Polens. Es tut weh zu sehen, wie heute die Kirche die Jahrestage der Verfassung von 1791 groß feiert und die Meisten glauben, die Kirche war damals dafür. Es ist eine riesige Lüge.

Aber eigentlich war die Teilung Polens der Kirche doch nicht ganz recht. Von den drei Besatzungsmächten war nämlich nur eine - der kaiserliche Österreich - katholisch. Die Russen waren aber orthodox und die Preußen evangelisch. In den österreichischen Gebieten hatte also die Kirche kein Problem und stand treu an dem Kaiser. In den anderen Gebieten wäre es der Kirche lieber, etwas mehr Einfluss zu bekommen und (besonders unter Preußen) der Säkularisierung entgegenzuwirken. Bei den Russen die Garantie für die kirchliche Macht und Einfluss zu suchen war schlicht und ergreifend naiv.

Das waren einige Stationen der gemeinsamen Geschichte Polens und der katholischen Kirche bis 1918. Nicht besonders lustig. Die nächste Folge wird aber mehrere komische Elemente enthalten. Stay tuned.

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