Ein Pole ist immer katholisch
Polen, so nah und doch so fremd. Zwischen Polen und Deutschland, manchmal auch in der DDR.

Ein Pole ist immer katholisch

Bierki-006Wenn man sich zufällig am Sonntag in der Nähe einer Kirche in Deutschland befindet, wo gerade eine Messe in Polnisch gehalten wird, sieht man es - die Masse der polnischen Katholiken. Es sind so viele, dass sie auch vor der Kirche stehen müssen, manche sogar an der anderen Straßenseite.

Moment aber, wieso an der anderen Straßenseite? Die können doch den Priester weder sehen noch hören! Und vor der Tür ist noch genug Platz, vermutlich würden die alle noch in die Kirche passen! Wer sind sie und was machen sie denn dort?

Die Antwort auf die Identitätsfrage ist einfach zu beantworten: Es sind meistens polnische Bauarbeiter, die aus Kleinstädten oder Dörfer stammen und zeitweise auf deutschen Baustellen arbeiten.

Was sie an der anderen Straßenseite machen? Eine direkte Antwort ist auch einfach, klärt aber wenig: Sie stehen dort. Viele sind extra für die Messe in Polnisch aus der Umgebung angereist, oft stellt ihr polnischer Arbeitgeber ein Kleinbus für die Anreise bereit. Manche von den Angereisten gehen wirklich in die Kirche, die Anderen reisen zwar mit, stehen aber an der anderen Straßenseite. Nach der Messe kommen alle zusammen zum ihren Wohnort zurück. Könnt ihr das verstehen? Sicher nicht.

Dafür ist euer Polenblog-Man da - um Polen verständlich zu machen.  Ich erkläre es euch.

Laut Klischee ist jeder Pole katholisch. Auch nach offiziellen Statistiken polnischer Katholischer Kirche ist etwa 95% Polen katholisch. Wie werden sie gezählt? Es ist einfach, das sind alle die getauft wurden. Kirchenaustritte gibt es kaum.

Na ja, man sagt manchmal, der Superlativ von Lüge heißt Statistik. In Deutschland werden die Gläubigen anders gezählt - sein Glauben muss man besteuern und das zählt von den Kirchen unabhängig der Staat. Die Folge ist, dass man ohne große Probleme aus der Kirche heraustreten kann - man muss es einfach bei einem Amt melden. In Polen dagegen gibt es kein Kirchensteuer, kaum unabhängige Zählungen und praktisch keine Austrittsmöglichkeit aus der Kirche.

"Keine Austrittsmöglichkeit" ist vielleicht nicht vollkommen richtig. Man muss nur über 18 sein, mit nur zwei glaubhaften und getauften Zeugen zur Pfarrei kommen, wo man getauft wurde, und wenn der Pfarrer keine willkürlichen Probleme macht, kann man eine Bescheinigung bekommen, man sei ausgetreten. Weil aber die kirchliche Datensammlung dem staatlichen Datenschutzgesetz nicht unterliegt, kann man gar nicht überprüfen, ob eigener Name nicht mehr in den kirchlichen Büchern steht. Ist es ein Wunder, dass nur die wenigsten sich die Mühe geben, auf diese Weise auszutreten?

Es gibt aber eine bessere, fast glaubhafte Statistik der Gläubigen in Polen. Sie wird von der Kirche selber vorbereitet  und zwar: An einem Sonntag im Jahr werden in jeder Kirche an allen Messen die Besucher (dominicantes) und diese, die zur Kommunion hinzutreten (communicantes) gezählt. Die Teilnahme an der Sonntagsmesse ist jedes Katholiken Pflicht, nur diese die es nicht können (Kranken, Alten usw.) sind entschuldigt. So müsste die Anzahl der dominicantes ein gutes Maß der Anteil der Katholiken sein. Die Ergebnisse werden nicht als absolute Zahlen veröffentlicht, sondern als Prozentwert der Leute, die eigentlich zur Sonntagsmesse kommen sollten. Laut der beschriebenen Methodologie wird bei der Erhebung angenommen, dass 82% der Bewohner des jeweiligen Gebietes zur Messe kommen sollten - Anteil der Kleinkinder, Alten, Kranken und Nichtgläubigen wurde pauschal auf 18% gesetzt.

Trotz dieser Schönrechnung kam die Statistik 2012 (hier LINK) auf genau 40% dominicantes im Landesdurchschnitt. Noch mal: Es ist nicht 40% der Bürger, sondern 40% von diesen, die eigentlich als Katholiken kommen sollten und könnten! 2012 gab es also in Polen etwa 32,8% aktive Katholiken. Auch wenn wir die Alten und Kranken dazu zählen, werden wir sicher auf eine Zahl deutlich unter 50% kommen.

Noch eine Zahl wird ermittelt - Anzahl deren, die zur Kommunion hinzutreten (communicantes). Und das waren 2012 im Landesdurchschnitt nur 16,2%.  Also nur etwa 40% der Messebesucher!

Wenn jemand in Deutschland mal eine katholische Messe gesehen hat, weiß es -  fast alle Messebesucher nehmen hier an der Kommunion teil. Die Kommunion ist doch ein Kernstück des christlichen Glaubens. Nur wenn auf einem eine schwere Sünde lastet, darf er nicht zur Kommunion. Was ist mit polnischen Katholiken? Welche schwere Sünden lasten auf ihnen?

Kaum einer wagt es so klar und deutlich zu sagen, ich tue es aber: Die meisten dieser 60%, die in der Kirche sind aber nicht zur Kommunion hinzutreten, sind in der Wirklichkeit keine Gläubigen. Warum gehen sie doch zur Messe? Hier gibt es viele Gründe, z.B.:

  • Weil ihre Eltern/Großeltern/Lebenspartner usw. es wollen. Und es ist einfacher einmal in der Woche die Stunde abzusitzen, als ständig im Konflikt zu bleiben oder die Familie kaputt zu machen.
  • Weil sie Angst haben sonst ausgegrenzt oder schikaniert zu werden. Diese Motivation gibt es meistens in Kleinstädten und Dörfer, manchmal ist diese Angst auch berechtigt. Aber auch wenn unberechtigt, bleibt der Angst da.
  • Weil es für sie eine Tradition oder eine Angewohnheit ist. Oder ein Ritual im Sinne der Zwangsverhalten.
  • Weil sie ein Zugehörigkeitsgefühl brauchen, und die katholische Kirche ist die am einfachsten erreichbare Gemeinschaft, ohne Beitrittsgebühren, Verbindlichkeiten usw.
  • Weil sie einen starken Anführer oder Wegweiser brauchen um seine Angst unter Kontrolle zu halten.
  • Weil sie dort ihre Freunde treffen.

Versteht ihr jetzt, wer diese Leute sind, die an der anderen Straßenseite stehen?  Es sind diese, die keine Gläubigen sind, nicht wirklich in die Kirche wollen, aber Angst haben von Kollegen ausgelacht zu werden (Es ist eher in ihren Köpfen, als eine wirkliche Bedrohung). Oder wollen nach dem Rückkehr nach Polen seine Frau, Mutter oder seinen Pfarrer nicht dreist belügen - Sie gingen doch in die Kirche!  Oder sie wollen nach der Messe mit seinen Freunden einen trinken gehen.

Eine andere Frage ist aber: Wie viele von den communicantes auch so denken?  Das ist aber ein anderes Mikado-Stab, den ziehe ich ein anderes Mal.

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